Glossar · E-Commerce-Modelle
Merchant of Record
Wer verkauft eigentlich an deinen Kunden?
Der Checkout findet in deinem Shop statt, dein Produkt trägt deine Marke – auf der Rechnung scheint aber ein anderes Unternehmen auf. Ein Merchant of Record, kurz MoR, übernimmt mehr als die Zahlung: Er kann selbst Teil der Leistungsbeziehung zum Endkunden sein.
Auf einen Blick
Typischer Einsatz:
SaaS, Apps, Lizenzen und digitale Produkte
Kann übernehmen:
Umsatzsteuer, Rechnung, Payment und Refunds
Nicht verwechseln mit:
reinem Zahlungsanbieter oder Marktplatz
Grundlagen
Was übernimmt ein Merchant of Record?
Ein Merchant of Record tritt im vereinbarten Modell gegenüber dem Endkunden als Verkäufer auf. Typischerweise berechnet er die Umsatzsteuer, stellt Rechnungen aus, verarbeitet Zahlungen und Währungen, bearbeitet Erstattungen sowie Chargebacks und zahlt den vereinbarten Betrag an das E-Commerce-Unternehmen aus.
Der konkrete Umfang ergibt sich aus dem Vertrag und der tatsächlichen Durchführung. Anbieter wie Paddle oder Lemon Squeezy beschreiben ihr Modell für Software und digitale Produkte als Merchant-of-Record-Lösung. Das macht aber nicht jede Plattform oder jeden Checkout-Anbieter automatisch zu einem MoR.
Mehr als Zahlungsabwicklung.
Ein Zahlungsanbieter bewegt Geld. Ein Merchant of Record kann Teil der eigentlichen Leistungs- und Rechnungskette zum Kunden sein.
Richtig unterscheiden
Merchant of Record, Zahlungsanbieter oder Marktplatz?
Zahlungsanbieter
PayPal, Stripe oder andere Payment-Service-Provider verarbeiten grundsätzlich Zahlungen. Dein Unternehmen bleibt regelmäßig Verkäufer und trägt die umsatzsteuerlichen Pflichten.
Merchant of Record
Der MoR tritt im vereinbarten Modell selbst als Verkäufer auf. Dein Unternehmen steht in einer eigenen Leistungs- oder Abrechnungsbeziehung zum MoR.
Marktplatz
Ein Marktplatz vermittelt Verkäufer und Kunden. Für bestimmte Umsätze kann eine gesetzliche Liefer- oder Leistungskette fingiert werden – das ist nicht dasselbe wie ein vertragliches MoR-Modell.
Leistungskette verstehen
Eine Zahlung – mindestens zwei Ebenen
Der Auszahlungsbetrag auf dem Bankkonto beantwortet noch nicht, wer welche Leistung an wen erbringt. Beim Merchant-of-Record-Modell müssen regelmäßig zwei Ebenen getrennt betrachtet werden:
01 · Endkunde und MoR
Wer ist gegenüber dem Kunden Verkäufer? Wer stellt die Rechnung aus, behandelt Retouren und schuldet die Umsatzsteuer?
02 · Unternehmen und MoR
Welche Leistung erbringt dein österreichisches Unternehmen an den MoR? Welche Rechnung und welche umsatzsteuerliche Behandlung sind dafür erforderlich?
Die Auszahlung ist nur das Ergebnis.
Sie kann Verkäufe, Steuern, Gebühren, Erstattungen, Währungsumrechnungen und Reserven enthalten. Für die Buchhaltung braucht es die zugrunde liegenden Abrechnungsdaten.
Geschäftsmodell entscheidet
Digital oft einfacher. Bei Waren deutlich komplexer.
SaaS und digitale Produkte
Bei Apps, Lizenzen, Downloads und elektronischen Leistungen kann ein Merchant of Record internationale Steuern, Rechnungen und Payments bündeln. Die eigene Leistung an den MoR sowie Auszahlungen, Gebühren und Fremdwährungen bleiben trotzdem korrekt einzuordnen.
Physische Waren
Bei Waren zählen Lagerort, Versand, Importeur und tatsächlicher Lieferweg. Ein MoR löst nicht automatisch Einfuhrumsatzsteuer, Zoll, EU-OSS oder IOSS, ausländische Lager, Produkthaftung oder Verpackungspflichten.
Sauber prüfen
Diese Daten brauchen wir für die Beurteilung
Vertrag und Checkout
Vertrag, Geschäftsbedingungen, Darstellung des Verkäufers im Checkout sowie Musterrechnungen an B2C- und B2B-Kunden.
Zahlungen und Abrechnung
Auszahlungsberichte, Gebühren, Steuern, Refunds, Chargebacks, Reserven, Fremdwährungen sowie Länder- und UID-Daten.
Produkt und Leistungsweg
Art der Produkte oder Leistungen, tatsächliche Waren- oder Leistungswege sowie Exporte, APIs und Schnittstellen zur Buchhaltung.
Meine Rolle als Steuerberater für E-Commerce
Leistung, Rechnung und Zahlung zusammenführen.
Ich prüfe, wer in deinem Modell welche Leistung an wen erbringt. Darauf aufbauend ordnen wir Rechnungen, Umsatzsteuer und Zahlungsflüsse richtig ein und legen fest, wie Verkäufe, Gebühren, Erstattungen und Auszahlungen nachvollziehbar in der Buchhaltung zusammenlaufen.
Das Ziel ist nicht, jede Auszahlung irgendwie als Erlös zu erfassen. Das Ziel ist ein System, das die rechtliche Leistungsbeziehung und die wirtschaftlichen Zahlen gleichermaßen abbildet – persönlich, digital und auf Augenhöhe.
Häufige Fragen
Merchant of Record kurz eingeordnet
Ist ein Merchant of Record nur ein Zahlungsanbieter?
Nein. Ein Zahlungsanbieter verarbeitet in erster Linie Zahlungen. Ein Merchant of Record tritt im vereinbarten Modell gegenüber dem Endkunden als Verkäufer auf und übernimmt regelmäßig weitere Pflichten, etwa Umsatzsteuer und Rechnungsstellung.
Muss ich bei einem Merchant of Record noch EU-OSS verwenden?
Das lässt sich nicht allgemein beantworten. Führt der MoR die Endkundenumsätze tatsächlich selbst aus, können die Pflichten für diese Umsätze bei ihm liegen. Die eigene Leistung deines Unternehmens an den MoR bleibt dennoch zu beurteilen.
Kann ich die Auszahlung einfach als Umsatz buchen?
Regelmäßig nicht ohne Abstimmung. Die Auszahlung kann Umsätze, Steuern, Gebühren, Refunds, Chargebacks, Reserven und Währungsdifferenzen enthalten. Entscheidend sind die Abrechnungsdaten.
Übernimmt der Merchant of Record jedes steuerliche Risiko?
Nicht automatisch. Maßgeblich sind Leistungsumfang, tatsächliche Durchführung und wirtschaftliche Realität. Beim E-Commerce-Unternehmen verbleiben eigene Buchhaltungs-, Ertragsteuer- und gegebenenfalls Umsatzsteuerpflichten.
Quellen
Weiterführende Informationen
- Umsatzsteuer One-Stop-Shop – Unternehmensserviceportal Österreich
- EU-Kommission: Mehrwertsteuervorschriften für den elektronischen Geschäftsverkehr
- EuGH, Rechtssache C-695/20 – Fenix International
Dieser Beitrag bietet einen allgemeinen Überblick und ersetzt keine individuelle steuerliche oder rechtliche Beratung.